F r e i h e i t
Lautstarke Worte Stille lacht tritt zur Seite öffnet das Fenster w e i t Lautstärke wird leiser, leiser, leiser Stille bleibt und schließt das Fenster Stift auf Papier nichts sonst FREIHEIT
Lautstarke Worte Stille lacht tritt zur Seite öffnet das Fenster w e i t Lautstärke wird leiser, leiser, leiser Stille bleibt und schließt das Fenster Stift auf Papier nichts sonst FREIHEIT
30 Tage lang werde ich jeden Tag eine Was wäre, wenn-Frage stellen. Ich kenne erst nur die Frage. Ich kenne erst die/den Fragesteller*in nicht. Ich kenne die Person noch nicht, die antwortet. Das werde ich in einer täglichen Kurzgeschichte auf geschriebenen Zeilen herausfinden. Ich freue mich darauf!
„Wir haben dafür gesorgt, dass Florentine ihren Kopf verloren hat!“ Henni schaute mit großem Entsetzen auf den kopflosen Engel vor ihren Füßen. Sie stand in der Buchhandlung vor einem Regal mit Kartons voller Engelfiguren, die auf einen ordentlichen Turm gestapelt waren. Eben bis zu dem Moment, als Henni einen Karton davon in die Hand genommen hatte. Der äußere Pappkarton war mit der inneren Pappschachtel, in den der Engel gebettet war, nicht befestigt und rutschte einfach heraus auf den Boden und nahm den Engel gleich mit.
Henni hatte Langeweile. Ulla und sie waren für ein Wochenende nach Winterberg in eine kleine Pension gefahren, die ihnen Kemal günstig angeboten hatte. Der Vermieter der Pension „Waldesruh“ war der Bruder von seinem Bruder oder so ähnlich. Jede von ihnen hatte ein kleines Zimmer mit Blümchenbettbezug, einem uralten Fernseher und einem wackligen Tisch auf dem eine Vase mit einem Trockenblumenstrauß stand.
Henni saß an ihrem neuen Laptop. Also, der Laptop war nicht neu, den hatte ihr Bernd vermacht, weil er für seinen Sohn einen Neuen brauchte und den, der jetzt vor Henni stand, übrig hatte. „Wozu brauchen wir einen Laptop?“, fragte Henni und Bernd schaute sie an, als habe sie gefragt, ob er sie heiraten wolle oder noch was viel Schlimmeres. „Äh, den braucht doch heute jeder wie ein Smartphone oder einen Fernseher!“ „Den haben wir auch nicht. Wir schauen nur manchmal etwas Fernsehen mit Ulla, denn ohne Ulla macht das keinen Spaß und ohne Ulla würden wir auch nicht Fernsehen!“, erklärte Henni überrascht.
„Ulla, was ist das? Ist das eine Krähe?“ Henni hielt ihr Smartphone in die Höhe. Sie hatte etwas aufgenommen, auf dem Spaziergang im Iserlohner Stadtwald. Der Ruf hatte sie an das gruselige Jugendbuch „Krabat“ erinnert, dass sie mal heimlich und viel zu jung für die Geschichte gelesen hatte. Hier nachhören!
Früher Montagabend, es begann schon dunkel zu werden. Ulla schaute aus dem Fenster. Der Herbst stand nicht mehr nur vor der Tür, er hatte längst geklingelt. Genauso wie Henni, die gerade lauthals singend die Straße entlanggekommen war. Es hörte sich an, als hätte sie ihren eigenen Laternenumzug veranstaltet.
Foto: Hinterberger, Hörboote „Es war toll an der Nordsee!“ Henni seufzte tief und es sah so aus, als würde sie die Wellen und das Rauschen immer noch hören, riechen und sehen können. Ulla hatte sie einen Ostfriesen-Tee mitgebracht, weil sie wusste, dass diese gerade im Herbst abends gerne mal einen Tee mit Kandis und Dosenmilch trank. Ulla strahlte, denn Henni hatte auch noch an Fisch gedacht, den sie so gerne frisch zubereitet aß. Hatte wohl damit zu tun, dass ihr Vater, der in der Woche in Cuxhaven auf Montage war, am Wochenende immer leckeren Nordseefisch mitgebracht hatte. Gerade probierte sie ein großes Stück Matjes mit frischem Brot aus der Hafenbäckerei. „Mmmh!“, sagte sie und kaute zufrieden.
„Und da schlage ich das Kalenderblatt vom August um und nichts mehr. Ende, nada, da ist kein Kalenderblatt mehr!“, ruft Ulla entsetzt. Henni lacht laut. „Ulla, wir haben doch ein anderes Jahr wie alle anderen. Es gibt doch schon wieder einen neuen Kalender.“ „Der fängt echt am ersten September an?“, fragt Ulla und blättert noch auf einmal bis ganz zurück. „Tatsächlich, da habe ich bis heute nicht darauf geachtet!“ „Das können wir ändern!“, ruft Henni und reicht ihr ein neues Kalender-Exemplar aus ihrem Rucksack.
Ulla hatte sich tatsächlich eine neue Küchenzeile gekauft. Die war im Angebot im nahegelegenen Möbelhaus gewesen und Ulla hatte sich dort genau ausrechnen lassen, wie viel sie noch für ihre alte Küche bekam und wie viel sie monatlich dann abdrücken musste. „Ich hatte noch nie in meinem Leben eine so tolle Küche!“, hatte Ulla Henni immer wieder vorgeschwärmt und Henni hatte ihre Augen leuchten sehen. Ullas Lieblingsfarbe war Rot und die Küchenfront war auch in einem lackierten, glatten Rot. Henni hatte bereits am ersten Tag ganz viele Fingerabdrücke gesehen, aber lieber nichts gesagt, weil sie ja wusste, wie sehr Ulla ihre neue Küche mochte.