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Henni und der einsame Filmprojektor

Henni hatte Langeweile. Ulla und sie waren für ein Wochenende nach Winterberg in eine kleine Pension gefahren, die ihnen Kemal günstig angeboten hatte. Der Vermieter der Pension „Waldesruh“ war der Bruder von seinem Bruder oder so ähnlich. Jede von ihnen hatte ein kleines Zimmer mit Blümchenbettbezug, einem uralten Fernseher und einem wackligen Tisch auf dem eine Vase mit einem Trockenblumenstrauß stand.  

Das Frühstück bekamen sie unten in einem eigenen Frühstücksraum. Henni hatte selbst bei Ulla noch nie so viele Dinge für das Frühstück auf einmal gesehen, geschweige denn selbst gegessen. Die waren auf einer „Etaschere“, also einer Tellerpyramide aufgebaut, damit auch noch die Brötchen, Teller und Tassen und Henni und Ulla an den Tisch passten.

Henni war am ersten Morgen ganz schweigsam und noch mehr schüchtern, weil sie nicht die einzigen Gäste waren. Aber das legte sich bald, als sie merkte, dass die ganz nett waren und keiner darauf achtete, was sie machte.

Und heute hatte Ulla in Winterberg shoppen gehen wollen. Henni mochte shoppen zwar, aber am liebsten ohne viele Menschen. Das war am Samstagmittag mit herrlichem Sonnenschein eher nicht möglich.

So war Henni, als Ulla in dem nächsten Schuhgeschäft verschwunden war, weitergestiefelt und vor einem weiteren Schaufenster stehengeblieben. Hier gab es allerhand „Krimskrams, den kein Mensch braucht“, so hätte es Uwe genannt. Hennis Blick blieb an einem Filmprojektor hängen, der ihr gerade zugezwinkert hatte.  

„Hast du uns gerade zugezwinkert?“, fragte Henni in das Schaufenster und der Filmprojektor nickte, also es sah für Henni so aus, als würde er nicken, denn die Filmrolle bewegte sich leicht. Auf der Filmrolle war ein Gesicht zu sehen, also Henni glaubte da eins zu sehen.

„Komm doch mal herein!“, rief der Filmprojektor durch die weit geöffnete Ladentür.

Henni sah sich um, aber außer ihr stand niemand sonst vor dem Schaufenster.

„Ja, ich meine dich. Nun, mach schon, mir ist auch langweilig!“ Henni fragte sich noch kurz, woher er wusste, dass ihr langweilig war, aber sie betrat trotzdem mutig den Laden. Eine Ladenglocke erklang und von hinten erklang ein brummeliges „Tach!“, dass Henni mit einem leisen „Guten Tag!“ erwiderte.

„Na, endlich, das hat aber gedauert!“, schimpfte der Filmprojektor.

„Wir waren schon sehr schnell!“ Henni schaute sich um und fand, dass der Filmprojektor schon sehr abseits und eher lieblos in eine Ecke des Regals gestellt worden war. Da wurde er von kitschigen Winterberger Deko-Artikeln noch mehr in die Ecke gedrängt und wenn das so weiterging, würde er eines Tages noch vom Regal fallen.

„Kannst du mich kaufen und mitnehmen?“, fragte der Filmprojektor.

„Wir wissen aber gerade nicht, ob wir dich bezahlen und wo wir dich hinstellen können?“, gab Henni zu bedenken.

„Ich bin ja schon so verstaubt und deshalb bin ich auch runtergesetzt worden. Ich bin halt nicht mehr in!“, jammerte der Filmprojektor weiter.

Henni ging sein Gemecker und Gejammer schon etwas auf die Nerven, aber sie hatte auch Mitleid mit ihm, denn sie konnte sich gut vorstellen, dass sie sich zwischen diesen neumodischen, sich in Pose werfenden Touristengeschenkartikeln, nicht wohlfühlen und sehr einsam sein würde.

„Sie interessieren sich für unseren Ladenhüter?“, fragte der Ladenbesitzer. „Ich mache Ihnen einen Sonderpreis, damit er Platz für neue Artikel machen kann“.

Der Filmprojektor wurde bei den Worten gleich wieder kleiner und kleiner und Hennis Mitleid umso größer. Hier konnte er wirklich nicht bleiben. Irgendwann würde nichts mehr von ihm übrigbleiben.

„Ja, wir würden ihn gerne kaufen. Wie teuer ist er denn?“, fragte Henni und als sie den Preis hörte, konnte sie es nicht glauben. Sie stimmte sofort zu und der Filmprojektor wurde in eine weiche Tüte mit grauen Wellen gepackt.

Henni bezahlte und als sie den Laden verließ, hörte sie einen tiefen Seufzer aus der Tüte, gefolgt von einem „Danke!“, dass aus den Tiefen des Projektors nach oben aus der Tüte kam.

Henni lachte. „Wir haben schon eine Idee für dich. Du bekommst einen ganz besonderen Platz in einem besonderen Kino und da wirst du Glücksbringer!“

Und so kam es dann: Heute steht unser Filmprojektor im „Apollo Service Kino“ in Altena. Und, das ist das Beste daran, er hat coole Beschützer*innen und ist nie mehr einsam. Außerdem hat er jetzt einen neuen Namen: FP 008!

Schaut doch mal vorbei, der kleine Filmprojektor wird sich freuen!

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. An die Projektor-Retterin!
    Liebe Henni, du hast wirklich ein gutes Herz! ❤️
    Falls du einen Gnadenhof für alte Bildermaschinen aufmachen möchtest, ich hätte da auch noch ein Exemplar. Er gehörte meinem Vater und heißt F 08 und ist nicht verstaubt, weil er in einer alten Box steht.

  2. Annemarie Winckler sagt

    Liebe Henni,
    ich weiß genau, wovon Du redest, denn ich habe den Projektor auch in Winterberg im Schaufenster gesehen. Wie schön, dass Du ihn gerettet hast.
    Liebe Grüße
    Anne

    • Sabine sagt

      Liebe Anne,
      ja und 007 beschützt ihn im Apollo Service Kino in Altena,
      viele Grüße,

      Sabine

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