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Henni und die Sonnenblumen und Rosen zum Umhängen

——- FÜR ALLE DIE SEIT MONTAG EINEN DR.-FRANKENTHAL-MUNDSCHUTZ TRAGEN MÜSSEN ——

Hier auch die Audio-Datei:

 

Henni öffnete das Fenster im Wohnzimmer und schaute auf die andere Straßenseite, wo Ulla dasselbe tat. Sie öffnete nur ihr Küchenfenster. Beide legten ein Kissen auf die Fensterbank, stellten ihren Kaffee daneben und unterhielten sich über die Straße hinweg.

Das tägliche Ritual der beiden Frauen seit nun mehr sechs Wochen, als Ulla von ihrem Arzt durch ihre schwere Asthmaerkrankung zur Risikogruppe erklärt und in die Wohnung verbannt wurde.

Henni gefiel dieses Wort von Anfang an nicht, genau so wenig wie das Brettspiel mit demgleichen Namen. „Da spielen sie Krieg auf dem Brett, das kann nichts Gutes sein.“ Sehr zum Unmut der Gäste des Stadtteil-Café hatte sie das Spiel kurzerhand entsorgt und vorbildlich getrennt, in den Müll geworfen.

„Du spinnst doch total!“, hatte Klaus gemeckert.

„Spiel was Anständiges, hier Rumikub, Skat oder Elfer Raus!“, hatte Henni geantwortet. Da wurde Klaus dunkelrot, denn sie wusste, dass er online Poker spielte.

„Hallo Ulla, wie geht es dir in der Verbannung?“, fragte Henni jeden Morgen und Ulla antwortete jeden Morgen: „Mit Kaffee, den roten Rosen und dir schaffe ich das auch noch!“

„Rote Rosen“ war der Name einer Serie, die Ulla seit der ersten Folge vor 13 Jahren schaute. Henni konnte mit der Serie nichts anfangen. „Ich mag keine roten Rosen, die sind mir zu fein und zu stachelig, der kleine Prinz hatte voll Probleme mit nur einer.“ Aber sie hörte sich die Geschichten, die Ulla erzählte gerne an, weil Ullas Stimme dann so orange und fröhlich klang und das gefiel Henni, den das kam sonst nur noch vor, wenn ihr Sohn sich mal wieder blicken ließ.

„Henni, hast du auch schon eine Maske?“, fragte Ulla.

„Nee, ich mag doch keinen Karneval und außerdem ist der längst vorbei!“, sagte Henni.

„Nein, ich meine doch einen Mundschutz. Ich nähe gerade ganz viele aus den alten Stoffresten. Möchtest du auch eine?“

Henni überlegte. Natürlich wusste sie aus dem Fernsehen, dass man ab Montag Mundschutz tragen musste, so wie ihr Zahnarzt das bei der Arbeit tat. Aber den mochte sie ja auch nicht und der lächelte auch nie, der Dr. Frankentahl, da machte das auch nichts.

„Aber, dann sehe ich ja dein Lachen nicht mehr!“, gab Henni zu bedenken.

„Doch, schau mal, ich habe dir extra eine mit Sonnenblumen drauf genäht!“ Ulla hielt sie stolz hoch.

„Extra für mich?“, fragte Henni ungläubig.

„Na klar, ich finde Sonnenblumen stehen dir und deine Augen lächeln sowieso!“

„Findest du?“, fragte Henni und lächelte. Es wurde ihr ganz sonnenblumengelb ums Herz. Vielleicht war die Zahnarzt-Maske doch nicht ganz so doof, wenn Ulla extra eine für Sie genäht hatte.

„Was hast du denn für eine?“, fragte Henni und lachte, als Ulla ihre aufsetzte, die natürlich aus ganz vielen roten Rosen bestand.

„Wenn du die trägst, dann gefallen mir die Rosen doch auch ein bisschen mehr!“, sagte Henni und freute sich über die lächelnden Augen von Ulla.

„Hoffentlich passen die auch zu meinen Gummistiefeln!“ rief Henni hinüber und, weil der Kaffee schon kalt war, winkten sie Ulla noch einmal zu und schloss das Fenster.

Sie stiefelte zum Küchenfenster von Ulla, die ihr die Sonnenblumen in einer Tüte aus dem Fenster warf.
„Vorsicht, Sonnenblumen!“, rief Ulla.

„Danke!“, rief Henni, nahm die Tüte hoch und setzte die Maske probeweise auf. Ihre Augen tränten und die Sonnenblumen waren wunderschön gelb, aber sie nahmen ihr viel Luft weg.

Sie schob sie wieder von ihrem Gesicht. „Puh, die sind ganz schön gelbpustig.“ Gerade kam der Briefträger vorbei. „Hallo, wissen Sie wer ich bin?“; fragte Henni.

Paul Koch, der Postbote für den Stadtteil, der auch eine verrutschte, graue Maske ohne Rosen und Sonnenblumen trug, blieb vor ihr stehen.

„Mmh, rote Gummistiefel, gelbe Sonnenblumen und leuchtende Augen, das kann nur Henni sein. Ich habe heute keine Post für dich!“

„Was brauche ich Post, wenn meine Freundin mir so tolle Sonnenblumen zum Umhängen schenkt!“, rief Henni, winkte Ulla und Paul zu und führte ihre Sonnenblumen stolz aus.

 

 

5 Kommentare

  1. Liebe Sabine,
    deine Erzählung (die ich mir als Audio angehört habe) zaubert mir ein sonnenblumengelbes Lächeln ins Gesicht. Henni hätte ich auch gerne als Nachbarin für einen täglichen Plausch durch das Fenster. 🙂

    Ich habe auch eine Maske mit roten Blumen drauf (fast rosig). Das Atmen ist wirklich nicht so leicht, aber noch mehr stört mich, dass ich nicht sichtbar lächeln kann. Mit den Augen klapppt das noch nicht so. Muss noch üben.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

  2. Liebe Ulrike,

    das freut mich! Ich sehe Henni und dich schon, wie ihr die ganze Straße unterhaltet, wie Ulla und Henni das vermutlich auch tun … 🙂
    Ich glaube, das mit den Augen lächeln, das müssen wir noch alle üben,
    viele Grüße,
    Sabine

    • Sabine sagt

      Liebe Susa,
      ganz lieben Dank; es macht mir auch ungeheuren Spaß!
      Liebe Grüße,
      Sabine

  3. Dorit sagt

    Liebe Sabine,
    ich habe mir deine schöne Geschichte auch als Audio von dir vorlesen lassen (super eingesprochen!) und war direkt drinnen in dieser Welt voller sympathischer Menschen. Ja, es ist noch wichtiger als sonst, in dieser Zeit des Abstandhalten Kontakte und Freundschaften mit herzlichen Worten und Gesten zu pflegen. Die Maske mit Sonnenblumen ist toll. Das Lächeln mit den Augen lernen wir hoffentlich bald alle.
    Ich schicke dir viele sonnenblumig lächelnde Grüße durch den virtuellen Raum 🙂
    Dorit

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