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Henni und der schlaue Schlüssel

„Ulla, wir haben ihn gefunden. Wir haben ihn gefunden. Wir haben ihn gefunden.!“ Henni nimmt zwei Stufen auf einmal und ist in Null Komma Nix – Mein Nix ist mit „X“ sagt sie immer, wenn sie jemand fragt. – bei Ulla im 2. Stockwerk.

„Meine Güte Henni, wen hast du gefunden?“ Ulla schüttelt etwas missbilligend mit dem Kopf. In ihrem Kopf sind im Moment ganz andere Themen. Tatjana und Ursula. Mutter und Tochter sind aus der Ukraine da.
Heute schauen Sie sich schon eine kleine Wohnung an. Wenn das klappt, haben sie echt viel Glück. Und da ist dann immer Hennis übersprudelnde Spontaneität, die ihre ganze Aufmerksamkeit einfordert. Und doch, wenn sie wie jetzt vor ihr steht und erzählen will, kann Ulla nicht anders, als sie in ihre Wohnung und in ihr Herz zu lassen und sich mit ihr zu freuen. Was auch immer das gerade ist. Das ist selbst bei Tatjana und Ursula schon so, die Henni kaum kennen. Sie tut ihnen gut und lenkt sie auf eine wunderbare Weise ab.

Henni ist zwar übersprudelnd in ihrer ansteckenden Begeisterung, doch sie spürt auch sehr genau, wenn etwas nicht stimmt oder, wenn sie gerade zu viel ist für andere, in diesem Fall für Ulla.

„Darf ich?“, fragt sie vorsichtig und einen Schritt vor dem Türrahmen von Ullas Wohnungstür.

„Natürlich! Komm herein!“ Ulla öffnet die Tür und geht vor in die Küche. „Tatjana und Ursula schauen sich gerade eine Wohnung an. Thomas zieht doch aus und, wenn es klappt und die Grundsicherung mitspielt, haben Sie ab April bereits eine eigene kleine Wohnung.“

„Ui, da drücke ich ihnen mal ganz fest die Daumen!“ Henni strahlt Ulla an. „Dann ist ja heute ein Glückstag!“

„Na los, dann erzähl schon! Was hast du gefunden?“ Ulla will es jetzt wissen und schüttet den beiden Frauen natürlich Kaffee dazu ein. Auf dem Tisch liegen vor den Plätzen auf der Eckbank zwei weitere Platzdeckchen. Hier sitzen jetzt immer Tatjana und Ursula. Henni mag die beiden Frauen. Nur manchmal ist ihr die Traurigkeit zu viel, denn sie kann sie schmecken und diesen Geschmack bekommt sie nicht einmal mit bitterem, starken Kaffee weg.  So etwas hat Henni noch nie in ihrem Leben geschmeckt.

„Henni?“. Ulla legt behutsam ihre Hand auf Hennis Arm. „Alles o.k.?“

„Ja, ja, wir schmecken gerade nur so viel Traurigkeit.“ Henni schüttelt sich und trinkt einen großen Schluck Kaffee. „Wir haben den Schlüssel für unsere kleine Schatzkiste wieder gefunden. Er lag in meiner Schublade und hat so getan, als wäre er mein Ersatzschlüssel für den Keller. Unglaublich, oder?“ Henni lachte leise, aber das Lachen schmeckte nach Traurigkeit in blau, gelb und sie konnte immer noch nicht sagen, was das für ein Geschmack war.

„Was ist in der Schatzkiste?“, fragte Ulla.

Henni schluckte. In der Schatzkiste war eine andere Traurigkeit eingeschlossen und vielleicht hatte der Schlüssel gewusst, wieso er so getan hatte, als wäre er der Ersatzschlüssel für den Keller. Diese Traurigkeit schmeckte nach Keller. Henni schüttelte den muffigen und kalten Geschmack ab.

„Den lassen wir besser da drin!“, sagte sie.

 

 

5 Kommentare

    • Sabine sagt

      Liebe Ursula,
      genau das versucht Henni und es passiert dann einfach, dass die Texte hinter den aktuellen Ereignissen da sind.
      Danke, dass du immer mitliest,
      viele Grüße
      Sabine

  1. Liebe Sabine,
    wieder eine warme, leicht traurige und doch auch mutmachende Geschichte von Henni und dir. Ich danke dir sehr dafür.
    Macht bitte immer weiter. Die Geschichten verarbeiten das Aktuelle, aber zeigen sehr schön andere wohltuende Blickwinkel.
    Dir einen schönen Tag
    Liebe Grüße Birgit

  2. Annemarie Winckler sagt

    Liebe Sabine,
    eine Geschichte zum Seufzen gut. Sie berührt mich sehr. Ich glaube der Kloß in meinem Hals besteht grad vor allem aus Traurigkeit.
    Liebe Grüße
    Anne

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