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 Auf einen Blick so viel Landschaft am Stück

Henni stand staunend am Fenster der „Old School“. So hieß ihre Unterkunft für das Wochenende, das Ulla in einem Kreuzworträtsel-Wettbewerb gewonnen hatte. Dieses Haus stand mitten in der Eifel, deren Autokennzeichen Henni noch nie gesehen hatte.

„Was ist *SLE*?“, hatte sie den Taxifahrer gefragt, der sie vom Bahnhof Urft abgeholt hatte.
„Das steht für Schleiden und ist der Nachbarort!“, hatte er gesagt und einen schrägen Seitenblick auf ihre Gummistiefel geworfen.

„Hier scheint es ja nicht so viele Gummistiefel zu geben, so wie Sie schauen!“, sagte sie ungerührt und er wurde ein wenig rot.

„Na ja, eher nicht!“, sagte er leise.

„Das macht uns ja nichts!“, antwortete Henni, „Sie wissen ja nicht, was Ihnen entgeht.“

„Wir möchten in die Old School, Oberstraße 15“, mischte sich Ulla ein.

„Ulla hat bei einem Kreuzworträtsel gewonnen und uns mitgenommen!“, erzählte Henni stolz und stieg in das Taxi.

Der Taxifahrer schaute sich verdutzt um. „Kommt noch jemand?“, fragte er Ulla, die kopfschüttelnd verneinte und hinter ihrer Freundin ins Taxi stieg.

Ulla vergaß jedes Mal, wenn sie außerhalb von Iserlohn waren und die Menschen Henni nicht kannten, wie befremdlich sowohl ihre bunten Gummistiefel als auch ihre Sprechweise in der Mehrzahl auf andere wirken musste. Sie seufzte. Menschen waren oft so eingefahren und vorhersehbar in ihren begrenzten Ansichten über die Welt, die selten über den eigenen Tellerrand hinausgingen.

Die kurze Fahrt verlief eher schweigend und als sie ausstiegen und Ulla die Bezahlung übernahm, hörte sie Henni rufen: „Ulla schau mal, hier ist auf einen Blick so viel Landschaft am Stück.“

Jetzt musste der Taxifahrer lachen und dieses Lachen versöhnte Ulla wieder, denn es war kein Über-Henni-Lachen, wie schon oft erlebt, sondern eins mit ihr. „Sie haben eine tolle Freundin!“, sagte er. „So einen besonderen Blick haben viele Menschen nicht mehr.“

………

„Und wenn Sie mal leckere Pizza essen wollen, dann empfehle ich Ihnen Peter Pan! Die machen hier die besten Pizzen!“

Ulla nickte, nahm ihre kleine Reisetasche und folgte Henni ums Haus. Die war mit Uwes großen, grünen Seemannsrucksack – den hatte sie immer noch von ihm und davon trennen wollte sie sich nicht – schon vorgegangen. Jetzt stand sie an dem Kinderspielplatz und schaute auf die Landschaft am Stück.

Sie drehte sich jetzt zu ihr herum und strahlte Ulla an. „Ohne deine Kreuzworträtsel könnten wir heute nicht hier sein! Danke!“ Henni mochte keine Kreuzworträtsel. Das war ihr viel zu schwierig. Also, ausgesuchte Wörter in einzelnen Buchstaben ordentlich in dafür vorgesehene Kästchen zu schreiben, das war nicht ihr Ding und dann auch noch lange darüber nachzudenken, noch viel weniger. Sie mochte es aber sehr, wenn Ulla die Kreuzworträtsel am Küchentisch löste, denn das beruhigte sie und ein Wort hatte sie Ulla sogar mal sagen können, weil sie das von Uwe wusste. Die Amtstracht von Juristen war gefragt. Antwort: Robe.

„Die hat der Richter in der Verhandlung getragen, als sie mich für die Prügelei mit Bernd verknackt haben“, hatte ihr Uwe erzählt. So bliebe Robe das einzige Wort, mit dem Henni Ulla beim Kreuzworträtsel helfen konnte.

„Wenn wir heute Abend Hunger auf Pizza haben, gibt es hier wohl eine gute Pizzeria. Auch der Name wird dir gefallen“ Ulla wusste, dass Henni total gerne Pizza aß und obendrein Peter Pan mochte, weil ihr der Film gefiel, in dem Robin Williams den gespielt hatte. Den hatten sie mal zusammen im Fernsehen gesehen.

„Pizza geht immer und die mögen wir. Welcher Name?“, fragte Henni.

„Peter Pan!“, antwortete Ulla und öffnete die Haustür.

„Da müssen wir hin!“, rief Henni, die hinter ihr in den kleinen Flur mit der Waschmaschine getreten war. „Ui, wir können sogar waschen!“

Ulla öffnete die nächste Tür und sie standen in einem hellen, hohen und sehr einladend, gemütlichen Raum. Eine kleine Küche mit Theke, ein Riesenfernsehen und eine kleine gemütliche Sofaecke mit zwei urigen Sesseln davor. Eine helle Holztreppe führte nach oben in die beiden Schlafzimmer. In einem davon stand sogar ein Kicker und eine alte Schulbank. Hier zog Henni ein. Ein drittes Schlafzimmer war noch unten neben dem Badezimmer. Hier stellte Ulla ihre Reisetasche ab, weil ihr der alte Schrank und die große weiße Lampe so gut gefiel.

 „Ulla, schau mal ein Wörlpuhl und eine riesige Dusche, die so groß ist wie unser ganzes Badezimmer!“, rief Henni. Ihr Badezimmer zu Hause war wirklich sehr klein.

Foto links von der Werbeseite.

Ulla stellte ihre Tasche ab und kam lachend dazu. Auch sie hatte ein solches Badezimmer mit  einer derart coolen Duschrückwand so noch nie gesehen. Ihr Badezimmer hatte noch die alten rosafarbenen Fliesen und war seit ihrem Einzug vor zwanzig Jahren nicht mehr renoviert worden. Zum Glück gefiel ihr die Farbe Rosa.

„Wir haben schon einen Lieblingsplatz!“, rief sie und nahm Platz. „Unsere Gummistiefel haben uns den Weg gezeigt.“ Die hatte sie natürlich sofort am Eingang abgestellt, nachdem sie die Trinkstelle bewundert hatte.

 

Und so ging es die nächsten beiden Tage weiter. Die beiden Frauen fühlten sich unheimlich wohl, genossen die Ruhe und all das, was sie zu Hause so nicht hatten.

Weitere Infos zum Umbau der Alten Schule in Golbach findet ihr hier.

 

3 Kommentare

    • Sabine sagt

      Ja, das bin ich auch, weil ich selbst noch nicht weiß, wie es weiter geht,
      viele Grüße
      Sabine

  1. Annemarie Winckler sagt

    Liebe Sabine,
    das klingt auch ein wenig nach Sauerland: ’so viel Landschaft am Stück‘ haben wir auch immer in Winterberg. Und wenn kein Corona ist, gibt es da auch einen gefüllten Whirpool, in echt und sogar draußen.
    Liebe Grüße
    Anne

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