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Henni und das Glück auf der Straße, das dir an der Sohle klebt

Foto: Pixabay,Clip-Art

Henni war heute früher wach geworden und stand schon um 08:00 Uhr frisch geduscht und fertig gefrühstückt am Fenster und schaute auf die Straße und das Haus gegenüber. Ullas Jalousien waren noch heruntergelassen, weil Ulla gerne länger schlief und abends gerne lange Fernsehen schaute.

Die beiden Frauen waren erst heute Nachmittag zum Kaffee verabredet, also hatte Henni noch ganz viel von dieser Zeit.
„Wir dürfen die Zeit auf gar keinen Fall totschlagen!“, sagte Henni besorgt zu Ella, ihrer Eule, die sich nur verschlafen noch einmal herumdrehte. Auch Ella schlief gerne lang. Heute auch, denn sie gab keine Antwort.
Erst letzte Woche hatte sie davon gelesen und war völlig entsetzt sofort in die Wohnung von Ulla gestürmt und hatte auf die Schlagzeile des Boulevardblatts gezeigt: „Ulla, Ulla, sie wollen die Zeit tot schlagen!“ Die Zeitung bekam sie immer von Paul, der nach seiner Nachtschicht mit der Zeitung schon früh fertig war. Viel zu lesen, gab es ja nicht. Bilder und riesige Aufmacher machen die Zeitung aus:
„HOMEOFFICE – Mit nicht vorhandener Technik schlagen Arbeitnehmer nur sinnlos Zeit tot!“.
Das stand da in roten Buchstaben.

„Wir müssen etwas tun, das dürfen sie nicht!“ Henni hatte immer wieder mit dem Finger auf die fett, rot gedruckte Überschrift gezeigt. Ulla hatte sie beruhigt und gesagt, das wäre nur so eine Redensart und sie müsse sich um die Zeit keine Sorgen machen, sie solle sie nur möglichst sinnvoll nutzen.

„Dann schauen wir mal, ob wir nicht bei einem Spaziergang jemanden finden, der mit uns die Zeit verbringen will!“, sagte Henni, zog Jacke und Gummistiefel an und verließ ihre Wohnung.

Als sie aus der Haustür trat, ging gerade Melissa mit ihrer Mutter vorbei. Melissa schaute immer traurig und ihre Mutter immer genervt. Melissa hatte tolle lange Haare, ihre Mutter auch, aber immer in anderen Farben. Melissas Farbe blieb gleich braun traurig.

„Ich darf nach den Ferien schon in die Schule gehen, wenn die Mama den Wecker hört!“, hatte Melissa Henni mal stolz erzählt und Henni hatte sich gefreut, dass Melissa nicht den ganzen Tag mit ihrer Mutter zusammen sein musste, denn ein Vater lebte nicht bei ihnen. Irgendwie konnte Henni das verstehen, dass der abgehauen war, wenn seine Frau zwar ständig die Haarfarbe, aber niemals ihr genervtes Gesicht wechselte und immer nur auf ihr Smartphone starrte. Melissa konnte sich das leider nicht aussuchen und auch abhauen.

Henni winkte Melissa und Melissa winkte zurück. Ihre Mutter sah weiter stur auf ihr Smartphone und bekam davon nichts mit.

Henni wollte den Bürgersteig verlassen und trat dabei auf etwas Weiches. Sie drehte sich herum und sah die braune Bescherung. „Iiiiih, wir sind in Hundekacke getreten!“ rief sie laut und wütend. „Unsere Gummistiefel sind voll Kacke!“

Melissa war stehengeblieben. „Das ist ja voll doof!“, sagte sie, „Das ist mir auch mal passiert, da habe ich voll Schimpfe gekriegt!“

Ihre Mutter dreht sich herum. „Melissa, kommst du, wir müssen weiter!“

„Aber Mama, Henni ist in eklige Hundekacke getreten!“, sagte sie entrüstet, während Henni sich auf die Treppenstufen setzte und den Gummistiefel vorsichtig auszog. Sie rümpfte die Nase, weil das braune Zeug so stank. Henni ekelte sich nicht vor Spinnen, nicht vor

„Das ist doch nicht unser Problem, wenn andere Leute ihre Hunde vor den Haustüren anderer Leute kacken lassen. Jetzt komm endlich!“, schimpfte Melissas Mama und sah Henni genervt an.

„Kevin sagt, die Kacke kannst du mit einem Stock rauspulen und es bringt sogar Glück!“, sagte Melissa noch im Weggehen.

„Danke!“, sagte Henni und schaute auf die Bescherung und fragte sich, wie ihr das Glück bringen sollte

Da fiel ihr der Gartenschlauch im Hof ein. Sie holte tief Luft, hielt sich die Nase zu und trug den Gummistiefel am langen Arm in den Hof. Dort legte sie ihn neben den kleinen Gulli und begann ihn abzusprühen. Zum Glück floss die braune Kacke schnell in den Gulli ab. Dann suchte sie einen Stock und pulte die Reste aus der Sohle und duschte den Gummistiefel noch einmal gründlich ab.

„Wir können dich heute nicht mehr anziehen und auch nicht mit in die Wohnung nehmen; du musst hier trocknen und dann hole ich dich morgen wieder ab.“ Henni stand auf einer Socke und einem Gummistiefel vor dem geduschten Exemplar.

Dann ging sie zurück in die Wohnung. „Gut, dass wir noch ein anderes Paar haben!“, sagte sie, zog den Gummistiefel aus und suchte auf Socken nach dem anderen Paar.

 

 

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