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NaNoWriMo 2020 – Henni, die Eule und die Zeit unterm Tisch

Bild: Tanja Graumann

Das vierte Jahr in Folge schreibe ich bei NaNoWrMo mit. Die Vorfreude war groß, kann ich mich doch jedes mal auf meine Ideen und Phantasie verlassen. Dieses Jahr fällt es mir echt schwer mein Tagespensum zu schreiben, vielleicht ist der Kopf vom Tag zu sehr angefüllt mit Dingen, die ich nicht mehr so gut wegschreiben kann.
Ich vermisse mein Schreiben in Cafés, spontane Ausflüge, um die Ideen im regen Betrieb eines Cafés wieder auf Trab zu bringen oder sie in einen leckeren Kaffee zu tunken …

Natürlich kann ich, können wir überall und eben auch zuhause, alleine und mit anderen per Zoom schreiben, ja, das werde ich und das werden Henni und ich auch tun. Aber ich vermisse „mein“ NaNoWriMo der letzten drei Jahre trotzdem sehr …

Hier ein kleiner Auszug aus dem Text, der in Hennis Kindheit spielt und, der vermutlich meine diesjährige Stimmung übernimmt:

[…] Erinnerungen sind wie Streuselkuchen

Henni saß mit Ulla am Küchentisch am Fenster. An diesem Nachmittag hatten sich die beiden Frauen wieder einmal zu einem Kaffee und heute zu einem Stück „Beerdigungskuchen“ getroffen. Ulla nannte den so, weil es den immer nach Beerdigungen beim anschließenden Kaffeetrinken zu essen gab.
Auch bei Uwes Beerdigung hatte es Beerdigungskuchen gegeben. Henni mochte dieses Worte nicht so gerne, denn es erinnerte sie zu sehr an Uwe und deshalb sagte sie auch viel lieber Streuselkuchen. Das klang heller und freundlicher und die Erinnerungen schmeckten dann nicht so traurig. Und sie mochte auch diese festen Streusel am liebsten und das auf jedem Stück Kuchen.

„Schmeckt es dir nicht?“, fragte Ulla leise. Henni hatte das Stück Kuchen noch nicht angerührt.

„Wir schmecken so viele Erinnerungen in dem Streuselkuchen. Jeder Streusel erzählt uns eine Geschichte und die meisten sind von Uwe!“, sagte Henni und nahm die Gabel in die Hand.

„Hast du eigentlich Fotos von Uwe?“, fragte Ulla und legte dabei behutsam ihre Hand auf die von Henni, die mittlerweile nicht mehr zusammenzuckte, sondern die Hand der Freundin auf ihrer liegen lassen konnte.

„Eins haben wir. Karl hat das von uns gemacht, mit so einer Uraltkamera, aus der sofort ein Bild mit weißem Rahmen rauskommt. Zwei Flaschen Bier hat er dafür von uns bekommen … Aber es verschwindet …“ Henni kramte ein vergilbtes und zusammengefaltetes Bild aus ihrer Hosentasche. „Das haben wir immer bei uns!“ Sie faltete es behutsam auseinander und legte es neben ihren noch immer unberührten Kuchenteller mit Streuselkuchen.

Ulla rückte ein Stück näher. Das Bild war schon ganz abgegriffen und blass geworden. Aber Henni und Uwe waren noch ganz deutlich zu sehen. Sie saßen zusammen auf ihrer Lieblingsbank vor der Stadtmauer und schauten sich an.

„Wir streichen immer über sein Gesicht, wenn wir es uns nicht mehr vorstellen können!“, sagte Henni und tat genau das. Sie schluckte.

„Ich habe eine Idee!“, sagte Ulla plötzlich und schaute Henni aufgeregt an. „Wir machen ein Foto von dem Foto mit deinem Handy und es gibt da so eine Seite, hat der Paul gesagt, da kannst du deine Fotos hinschicken und die werden dann so voll auf neu gemacht.“

Hennis Augen begannen zu leuchten. „Wieso ist uns das nicht schon eher eingefallen, Ulla?“ Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und machte ein Foto. Sie betrachtete es lange auf dem Bildschirm. Sie legte einen Filter über das Foto. Danach sah das Bild ganz anders und irgendwie verwunschen aus. Das mit dem Filter hatte sie von Erika gelernt, die mit ihrem Vater auf derselben Etage wie Henni lebte und 14 Jahre alt war und ihr Smartphone sogar mit ins Bett nahm, damit sie keine Nachricht verpasste. Heute war Henni froh, dass sich Erika so gut auskannte, denn jetzt würde Uwe auch nicht mehr verschwinden. Sie schickte Ulla das Bild per whatsapp, rieb sich einmal kräftig die Augen und aß dann ein Stück Streuselkuchen. Sie schloss die Augen und schmeckte die ersten etwas weniger traurigen Streusel und sie sah Uwe auf der Bank sitzen und er lachte.

„Wir finden, Streusel sind das Beste an einem Streuselkuchen. Den Boden bräuchten wir gar nicht!“, lachte Henni und holte die Streusel aus dem Kuchen
„Hast du eigentlich ein Fotoalbum?“, fragte Ulla. Sie ging zu ihrer Kommode, auf der das Fernsehgerät stand und zog ein kleines blaues Buch aus der obersten Schublade.

„Das ist jetzt für dich und da kommen alle schönen Fotos hinein, wenn du magst!“ Ulla stand ein wenig verlegen vor ihr. Henni legte die Gabel an die Seite und schaute Ulla an.

„Das ist für uns? Aber, wir haben doch noch nicht Geburtstag und Weihnachten ist auch noch weit weg!“

„Geschenke kannst du immer machen und wenn es dir Freude macht, gehört es dir!“ Ulla hatte feuchte Augen bekommen und Henni spürte, dass es Ulla gerade ganz wichtig war, dass Henni das Fotoalbum nahm und deshalb nahm sie es. Aber auch, weil sie ein ganz warmes orangefarbenes Gefühl im Bauch hatte, dass ihr guttat.

„Wir nehme es sehr gerne!“, sagte Henni, nahm das Bild von Uwe, öffnete das Fotobuch und legte das Foto hinein. „Jetzt wird ihm nichts mehr passieren!“ Ulla setzte sich und begann ihr Stück Streuselkuchen zu essen.

„Danke!“ Hennis freudig gelbes Danke setzte sich neben Ulla und ließ die Freundin lächeln. Dieses Lächeln mochte Henni an ihrer Freundin sehr gerne, denn es kam nicht so oft vor. Sie traute sich auch heute nicht nach ihrem eigenen Fotoalbum zu fragen, denn sie wusste nicht, ob das eine gute Frage oder eine war, die eine Freundin lieber nicht stellte. Und Henni wusste selbst, dass es Fragen gab, die einen an Dinge erinnerten, die lieber dort bleiben sollten, wo sie waren. Henni schluckte ihre Erinnerung mit dem nächsten Stück Kuchen herunter.

Sie wusste, irgendwann musste auch sie sich erinnern oder die Erinnerungen wurden so groß, dass sie sie überrollten und wie eine Lawine von den Füßen rissen. Das war nach Uwes Tod schon einmal passiert. „Vielleicht mögen wir auch deshalb keinen Schnee und keine Berge!“, sagte Henni und fühlte sich gleich etwas wohler, als sie sich unter den Tisch zu ihrer Eule setzte. Hier war sie sicher.

„Du kommst spät. Ich kann alle deine Gespenster nicht mehr alle alleine in Schach halten!“, sagte Ella, die Eule.

„Ja, das wissen wir, aber wir haben sie ja heute schon anders bekämpft!“, antwortete Henni und zeigte Ella das Fotoalbum. Ella tat dasselbe wie Henni heute Nachmittag bei Ulla und strich behutsam mit ihrem abgewetzten Plüschflügel über das Bild. „Wir haben auch die Klebe mitgebracht!“, freute sich Henni, drehte das Foto herum und strich mit dem Klebestift über die Rückseite. Dann klebte sie Uwe mitten auf die erste Seite, ein wenig schräg. „Uwe war keiner, der einen geraden Weg gegangen ist, der war selbst ziemlich schief.“ Ella lachte leise.

„Wir müssen noch etwas Schönes dazu schreiben. Ein Datum oder ein Wort oder so, das hat mir Ulla noch gesagt!“ Henni holte ihren schönsten Schreibstift, ein dunkelblauer Stift mit einer weichen Kugelmine, aus der Schublade und schaute Ella dann fragend an.

„Was sollen wir schreiben?“

„Du kannst alles schreiben, was du möchtest!“, sagte Ella und dehnte ihre Plüschflügel.

Und dann sah Henni noch einmal genau hin, sah hinter das Bild und spürte all die hellen und dunklen Erinnerungen. Sie schloss ihre Augen, seufzte tief und als sie die Augen wieder öffnete, begann sie in ihrer allerschönsten und etwas krakeligen Schreibschrift zu schreiben:

Uwe, mit dir sind wir geflohgen, wie voher nur mit Ella. Danke!

Ella las Hennis Worte und kuschelte sich dicht an sie. „Ja, du wirst im Leben immer die richtigen Worte finden, wenn sie gefunden werden wollen.“

[…]

7 Kommentare

  1. Liebe Sabine,

    henni und die erinnerungen.. Ich könnte stundenlang weiter darüber lesen und finde die Idee bestechend, dass in jedem Streusel eine Erinnerung steckt. Ich muss das unbedingt mal ausprobieren, vielleicht backe ich beim nächsten Backen auch ein paar Erinnerungen in die Streusel hinein und schaue dann, wer sie erschmecken kann.

    Übrigens finde ich auch, dass Streuselkuchen deutlich heller klingt als Beerdiggungskuchen. Und crumble gefällt mir auch als Wort für die kleinen Kugel, die alle unterschiedlich aussehen und doch ähnlich schmecken.

    Ich war übrigens erstaunt darüber, dass Henni ein Smartphone besitzt – das hätte ich ihr gar nicht erwartet….

    Liebe Grüße – heute abend nach dem Lesen deines Textes hellgelb getupft

    Hedda

    • Sabine sagt

      Liebe Hedda,
      ja, diese Idee der Streusel-Erinnerungen ist eine, die mir Henni fast beiläufig erzählt, wenn ich wieder glaube, mir würde keine neue Geschichte von ihr einfalln und dabei muss ich doch nur zuhören, genau hinhören und dann einfach mitschreiben … 🙂
      Ja, Henni hat ein Smartphone, denn da befindet sich Uwes Lieblingslied drauf, das sie seit seinem Tod regelmäßig hört und dann mit ihm tanzt … Und über die Handyhülle, da hast du mir eine gute Anregung geliedert, danke dir,
      liebe Grüße,
      Sabine

  2. Dorit sagt

    Liebe Sabine,
    die Szene mit den beiden Freundinnen beim Streuselkuchenessen und Erinnern finde ich sehr lebendig geschrieben … das löst Geschmäcker im Mund, Farben vor den Augen und verschiedene Emotionen aus.
    Nur ein Hinweis: Da ich mich als Leserin in Hennis Welt nicht auskenne, hat mich die wir-Form stutzig gemacht. Meint Henni damit sich und die Eule? Ist diese ein echtes Tier oder ein Stofftier? Oder Imagination? Die Eule kommt erst spät in der Szene ins Spiel.
    Wenn dies allerdings ein späteres Kapitel in deinem Roman ist, wissen die Leser*innen das dann wohl einzuordnen.
    Ich wünsche sie viel Erfolg und Inspiration (wenn auch leider ohne Café Besuch) beim weiteren Schreiben.
    Herzliche Grüße
    Dorit

    • Sabine sagt

      Liebe Dorit,
      danke dir für den Hinweis …
      Im Handlungsablauf des Romans wird eine Szene voangestellt, die Ellas Anwesenheit erklärt und es bleibt lange unklar, was es ist. Phantasie oder Realität oder Metapher oder, oder …
      Liebe Grüße,
      Sabine.

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