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Anthologie Stille erscheint

Ein Auszug aus meinem Text „Graue Sonntagsstille“, der in der Anthologie „Stille“ des Schauspielensembles Iserlohn erscheinen wird, die am kommenden Freitag und Samstag in Barendorf vorgestellt wird.

Wenn die Stille so ohrenbetäubend rot und laut war, dass sie nicht einmal mehr die Welt außerhalb ihrer Gedanken hören konnte, hatte sie anfangs das Radio und ihren Lieblingssender WDR 5 lauter gestellt. Doch egal wie laut sie das stellte, die Stille wurde nicht leiser und ihr Nachbar, Herr Martin, klopfte dann immer von unten. Er war LKW-Fahrer im Schichtdienst, musste tagsüber schlafen und mochte keine Klassik. Luise mochte seine laute Gitarren-Musik auch nicht, aber die hörte er meist nur am Wochenende oder wenn er mal mit Freunden grillte. Immer bekam sie auch ein Grillwürstchen, immer mit einem Klecks Senf, von ihm.
„Wenn wir heute mal etwas lauter sind, dann lassen Sie es sich schmecken!“, lachte er dann immer, wenn er in seinem knallroten Muskel-Shirt, aus dem tätowierte Arme herausschauten, vor ihrer Tür stand. Luise hatte noch nie selbst gegrillt und freute sich jetzt jedes Mal, wenn Herr Martin wieder grillte. Das war meistens samstags.

Sonntags war die Stille am lautesten. An einem Sonntag war ihre beste Freundin Edith gestorben. Am Sonntag war Edith immer in die Kirche gegangen und danach hatten sie sich immer in der Konditorei ein paar Gehminuten entfernt getroffen. Das mit dem in die Kirche gehen, hatte auch nicht geholfen, als der Krebs kam, auch das viele blöde Beten nicht. Edith war trotzdem gestorben. Seitdem konnte Luise die Kirchenglocken nicht mehr hören, weil sie dann immer an Edith dachte, und das machte sie ganz grau traurig.

„Wissen Sie, die Stille ist nicht immer so laut gewesen“, erzählte Luise dem Herrn Klein, der als Hörakustiker ihr neues Hörgerät einzustellen versuchte.

Der nickte und hörte nicht wirklich hin, denn ihn interessierte nur seine Technik und sein Bildschirm, auf den er die ganze Zeit starrte.  

„Und jetzt das linke Ohr? Besser?“, fragte er, bewegte die Maus, schaute Luise an. Luise hörte hin und hörte keinen Unterschied. Sie nickte trotzdem, damit sie schnell wieder nach Hause kam. Hier wollte sie mit dem Mundnasenschutz, unter der sie schwer Luft bekam, einfach nur weg.

Die Geräusche waren seit Ediths Tod tief grün und hoch gelb. Beides tat ihr in den Ohren weh. Alles klang anders. Alles war so laut. Alles war so fremd und tat so weh. Nichts klang mehr wie Edith.

„Das wird mit der Zeit besser!“, sagte Herr Klein an der Kasse und Luise überlegte kurz, woher er das mit Edith wusste, bis sie begriff, dass er das neue Hörgerät meinte.

Als sie den Laden verließ, erschrak sie vor der Wucht der Geräusche und wünschte sich in die graue Sonntagsstille zurück.
[…]
Neugierig geworden, wie es mit Lusie und dem Hörgerät weitergeht?

Den Text könnt ihr vollständig in der Anthologie „Stille“ des Schauspielensembles Iserlohn lesen.

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