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Und die Sonne scheint uns noch genauso ins Gesicht

Henni hielt ihr Gesicht in die Mittagssonne. Sie hatte sich ihre Lieblingsbank auf dem Fritz-Kühn-Platz ausgesucht und spürte die warmen Strahlen, die ihr Gesicht ganz sanft streichelten. Sie seufzte tief und verdrängte alle dunklen Gedanken, die die Sonnenstrahlen und den leichten, grünen Geschmack von Frühling und dem gelben Geruch von Hoffnung wieder verdunkelten. Überall lauerte er. In Nachrichten. In Bildern. In Zahlen. In Gesprächen und nicht zuletzt in Erinnerungen. Der Krieg in der Ukraine.

Ulla hatte Familie in der Ukraine. Mütterlicherseits. Ihre Großmutter Ursula war in Kharkiv geboren und dann mit ihren Kindern, Ullas Mutter Margarete und ihrem Bruder Sergej nach dem 2. Weltkrieg hierher nach Deutschland gekommen.
„Wir hatten uns völlig aus den Augen verloren!“, erklärte Ulla Henni „… und wir haben nicht mehr viel miteinander zu tun gehabt, als meine Mutter starb.“
Henni hatte noch überleget, wie das ganz praktisch ging, dass Menschen sich aus den Augen verlieren konnten, wollte Ulla aber bei dem ernsten Thema nicht fragen, wie das von statten ging.
Sergej war mit seiner Familie wieder zurück nach Kharkiv gezogen, war bei einer Firma, die „in Telekommunikation machte“, wie er das immer beschrieb. Jetzt hatte er sich gemeldet. Seine Stimme klang ganz fremd und fast hätte Ulla wieder aufgelegt, weil sie es erst für einen unseriösen Werbe-Anruf hielt.
„Ursula, ich bin es doch. Kennst du mich nicht mehr?“ Erst als sie ihren Namen so ausgesprochen hörte – hier nannten sie alle nur Ulla – fiel der Groschen. Er hatte gefragt, ob seine Frau und seine Tochter kommen könnten.
„Natürlich!“, hatte Ulla, ohne zu zögern am Samstag am Telefon gesagt, das Gästezimmer auf Vordermann gebracht, frisches Bettzeug aufgezogen, frische Blumen gekauft und Kuchen gebacken. Jetzt wartete sie seit zwei Tagen auf die Ankunft der beiden Frauen. Tatjana und Ursula. Mutter und Tochter, die genau wie Ulla nach ihrer Großmutter benannt worden war. Sie waren bei ihrem Anruf am Sonntagmorgen noch nicht einmal aus der Ukraine raus. Stau und Angst. Angst und Stau. Sie waren mit dem Auto auf dem Weg zur polnischen Grenze.

Henni war noch nie besonders gut in Erdkunde gewesen, aber auf dem alten Atlas von Ulla war selbst der Weg mit dem Finger auf der Landkarte vom Osten aus dem Kriegsgebiet durch die ganze Ukraine und Polen uns bis zu ihnen nach Deutschland ziemlich lang.

„Wir melden uns, wenn wir in Polen sind!“, hatten sie gesagt und seitdem hatte Ulla nichts mehr von ihnen gehört.
„Nimm das Handy mit und komm mit in die Sonne!“, hatte Henni versucht Ulla für einen Moment aus der Wohnung und von den Bildern und Nachrichten wegzuziehen, aber Ulla konnte das nicht. Sie hatte Angst davor, dass etwas ganz Schreckliches passieren könnte, wenn sie aufstand und vom Fernseher wegging. Und so flimmerten den ganzen Tag und ebenso in der Nacht alle Bilder weiter auf dem Bildschirm und breiteten sich mit einer immer größer werdenden Angst in Ulla aus. Sie war blass und weinte leise.
Henni schüttelte sich. Sie war auch wieder in Gedanken versunken und hatte die wärmenden Strahlen der Sonne gar nicht mehr gespürt. Sie versuchte noch einen Moment ruhig da zu sitzen, doch es gelang ihr nicht. Nicht, wenn Ulla daheim in ihrem Wohnzimmer auf den erlösenden Anruf wartete.
Henni hatte eine Idee. Sie öffnete ihre leere Plastiktüte und hielt sie der Sonne entgegen.
„Ich sammle dich ein für Ulla und bring ihr eine Tüte voll von dir mit. Du scheinst auf uns alle, ob wir traurig, glücklich oder sonst wie drauf sind.“ Henni hielt die Tüte noch einen Moment weiter fest und verschnürte ihn dann mit einem Stück Schnürsenkel, den sie in ihrem Rucksack fand.
„Und jetzt brauchen wir noch Berliner, mit ganz viel Eierlikör und Puderzucker. Die machen dem Krieg keine Angst, aber sie lassen Ulla für einen Moment ihre Angst vergessen.“ Das hoffe ich zumindest, dachte Henni und trug die Plastiktüte Sonne behutsam zum Bäcker und dann zu Ulla.
Als sie klingelte, schrie Ulla in den Flur. „Sie sind in Polen, Henni, sie sind in Polen!“ Als Henni außer Atem oben ankam, nahm Ulla sie ganz fest in den Arm. „Henni, Henni, ich freue mich so!“ Ulla schniefte laut und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Für dich!“, sagte Henni und hielt ihr die Plastiktüte hin, die sie gerade noch rechtzeitig abstellen konnte, bevor die stürmische Umarmung der Freundin sie in ihre Arme riss.
Ulla schaute sie verdutzt an.
„Gesammelte Sonnenstrahlen für dich, weil der Sonne das doch alles nicht egal ist und Berliner, weil sie jetzt in Polen sind.“ Henni hielt ihr beides hin.
„Ach Henni, Henni!“, schluchzte Ulla schon wieder und nahm ihr beides ab.
„Komm, jetzt machen wir den Fernseher mal einen Kaffee und einen Berliner lang aus!“
Die beiden Frauen gingen an ihren Küchentisch, den sie bis vor wenigen Tagen für den sichersten Ort auf der Welt gehalten hatten, doch die Welt hatte anderes im Sinn.

 

1 Kommentare

  1. Liebe Sabine und Henni,
    vielen Dank für diesen leisen Mutmachtext. Wir können alle etwas tun, zumindest mitfühlen und beten. Ulla bietet ihre Wohnung an, Henni sammelt Sonnenschein (Hoffnung) und kauft einen süßen Trost. Ich danke euch.
    Liebe Grüße Birgit

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