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Hennis Silvestergeschichte 2020 – Hoffnung mit ganz viel Vanillesoße

Henni und ich haben uns Wörter schenken lassen für das alte Jahr 2020 und das neue Jahr 2021. Daraus haben wir am Silvesterabend von 20:21 Uhr bis 00:21 Uhr diese nachfolgende Geschichte für dich und euch geschrieben. So bekommt das alte Jahr eine Wertschätzung, die erst auf den zweiten Blick zutage tritt und das neue Jahr wird gespannt erwartet.

Von Herzen danke für eure Wortgeschenke. Sie haben uns auf eine wunderschöne Weise erneut miteinander verbunden und sie werden das auch im neuen Jahr tun, da sind Henni und ich uns sicher.

Doch jetzt, nehmt euch Zeit und lest selbst:
„Ich bin echt froh, wenn ich die letzten Tage meiner Dienstzeit noch einigermaßen gut über die Bühne bekomme. Die Menschen mögen mich nicht.“

Henni reichte dem Jahr 2020, das gerade einen Stoßseufzer über den gedeckten Tisch schickte, eine dampfende Tasse. „Eine Tasse Kaffee macht deinen Ruf nicht besser, aber wir mögen dich und setzen uns unabständig nah zu dir.“  Henni stellt ihre Tasse aufmüpfig unter den Mindestabstand an das Jahr 2020 heran und setzte sich.

„Was bin ich für ein Jahr, in dem erst ganz harmlos anmutend Kassenbons und dann Toilettenpapier zum größten Problem für die Menschen und jetzt schon mindestens 100 neue englische Begriffe für die Pandemie verwendet werden. Wer will das hören? Wer will dieses Jahr schon in sein Fotoalbum kleben?“

„Wir wollen das!“, sagte Henni und legte ihr fast leeres Fotoalbum auf den Tisch. „In deinem Jahr sind wir wie eine verdammt willensstarke Wunderkerze mit Sturmwind als Rückenwind in den Himmel geschossen worden!“ Henni zeigte die Original-Skizze, die ihr ziemlich ähnlich sah.

„Wir bekommen wirklich viele Wörter geschickt und die meinen wirklich mich?“, fragte das Jahr 2020 verwundert.

„Ja, du bist eben mehr als ein Quantenphasenübergangsparameter (Siehe zum besseren Verständnis, die weiterführende Lektüre in „Raketen – Die Internationalen Enzyklopädie“, von Eugen Reichl), das neue und fünftausendsechshundertfünfundfünfzigste Rezept für Nudelsalat und in so vielem für viele eine Herzenssache.“

Ich staune …!“, sagte das Jahr 2020 sichtlich gerührt und verrührte den Zucker im Kaffee.

„Ja, du bringst die Menschen auf der Traumwelle oder Treibholz surfend und als Inselkind ans Meer, wenn auch nur im Kopf.“, grenzte Henni ein und stellte die frisch zubereiteten Königsberger Klopse auf den Tisch.

„Du hast gekocht für mich?“, fragte das Jahr 2020 und war schon wieder gerührt.

„Nein, das hat Ulla für uns gekocht und, weil wir Basilidings auch nur schwer buchstabieren, geschweige denn damit würzen und kochen können!“ Henni verschwieg dem alten Jahr, dass Ulla nicht mit dem alten Jahr hatte essen wollen, aber, weil Henni das tun wollte, hatte sie für beide gekocht.

„Oh, nein, liebe Henni, wegen dieses Jahres muss ich einen Schnutenpulli tragen. Ich komme erst, wenn das neue Jahr da ist!“ Ulla hatte sie so energisch angeschaut wie dieses Hippophotamos, dass sie mal in dieser Tiersendung gesehen hatte, dass sich auch keinen Millimeter bewegte, wenn es nicht wollte.

Henni hatte nicht geantwortet, dass das Jahr da ja schließlich nichts zu konnte, aber so war das eben mit der Gedankenfreiheit, die fand in diesem Jahr eben nicht nur im Kopf, sondern auch in allen nur denkbaren Facetten außerhalb des eigenen runden Kopfes statt, von Störsendern bishin zu Sesselpupsern, jede und jeder hatte etwas zu sagen und mutierte zu seltsam anmutenden Geschöpfen unter Aluhüten und anderen widersinnigen Kreationen.

„Es ist sehr lecker!“, schmatzte das alte Jahr 2020. „Meine Henkersmahlzeit, was für eine Unmacht!“, sinnierte es weiter.

„Du bist schon etwas rührselig und theatralisch!“, gab Henni zu bedenken und ließ sich die Königsberger Klopse trotzdem schmecken. Sie seufzte. Sie schmeckten nach einem Sonnenaufgang am Meer. Dem Morgen nach einer Nacht, in der die Zeilensucherin in ihr ein ums andere Mal die verdammt richtige Wortwahl getroffen hatte.

„Gibt es noch Nachtisch?“, fragte das alte Jahr 2020.

„Nein, deine Zeit ist um!“, flüsterte Henni und stand auf.

Und so machte das alte Jahr mit einer unabständigen Umarmung von Henni und ohne Beifall und ohne Feuerwerk ganz leise Platz und verschwand.

Es klopfte an der Tür. Henni öffnete dem neuen Jahr.

Das Ballett der Elefanten pausierte schlagartig, als ich den Raum betrat.“, sagte es und trat herein.

„Na, den Satz hast du doch geklaut, oder?“, lachte Henni, „Nimm bitte Platz!“ und zeigte auf den freigewordenen Platz. „Kaffee?“ Das neue Jahr nickte erleichtert. „Ja, bitte, das ist ein guter Anfang für ein neues Jahr. Und, gelesen habe ich den Satz und er hat mir gut gefallen, ebenso wie das Wort Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (Siehe zum besseren Verständnis, die weiterführende Lektüre in „Raketen – Die Internationalen Enzyklopädie), von Eugen Reichl).

„Ja, es werden in Worten, Wünschen und Gedanken der Menschen nach diesem letzten usseligen und trübentümpeligen Jahr hohe Erwartungen an dich gestellt.“

„Ja, das spüre ich längst. An die 101 Jahre Lebenserfahrung der Schwiegertante muss ich erst einmal heranreichen.“

Henni stellte eine Tasse Kaffee und ein Schälchen Nachtisch auf den Tisch.

„Ich fange mit Nachtisch an!“ Das neue Jahr war hocherfreut. „Mmh, Schokoladenpudding mit ganz viel Vanillesoße, gekocht, wow, was für eine Begrüßung!“

„Ja, als Stärkung für die Aufgaben, die vor dir liegen!“, sagte Henni und setzte sich dazu. Der Nachtisch schmeckte nach Heimkommen, wenn das Inselkind auf der Fähre das erste Mal den Leuchtturm sieht – unterwegs zu Henni und mir, der Insel.

Der Nachtisch war natürlich auch von Ulla und sie würde jetzt auch hier sitzen, wenn sie nicht längst eingeschlafen wäre. Das tat sie immer zu Silvester. Sie schaute fern und verschlief selbst das Feuerwerk um Mitternacht.

„Da es dieses Jahr keins gibt, das ich verschlafen kann, kann ich auch früher ins Bett gehen!“, sagte sie um 22:00 Uhr am Telefon zu Henni. „Wir sehen uns im neuen Jahr!“

„Darf ich noch ein zweites Schälchen?“, fragte das neue Jahr 2021 etwas verschämt, aber zufrieden lächelnd.

„Natürlich, es ist genug davon da!“, sagte Henni und nahm sich auch noch eine Portion. Die schmeckte nach Hoffnung, nach Sonne und nach der Sehnsucht der Rückkehr zum Normalen, was auch immer das für jeden einzelnen bedeutete.

Es klingelte an der Tür.

„Hat das alte Jahr seinen Whiteboard-Marker vergessen?“, fragte das neue Jahr schmatzend.

Vor der Tür standen Ulla und der verlegen grinsende Schornsteinfeger.

„Er hat sich verlaufen, wollte das neue Jahr begrüßen und suchte es bei mir!“ Sie sah ein wenig missmutig, zerzaust und verschlafen aus.

„Na, dann kommt mal herein. Es gibt Kaffee und den weltbesten Nachtisch! Das neue Jahr ist auch schon da!“

Die beiden kamen sehr zögerlich herein und beäugten das neue Jahr etwas besorgt. Sie setzten sich auf die andere Seite des Tisches und Henni servierte ihnen den Nachtisch mit Kaffee. Das neue Jahr hatte aufgehört zu essen, weil es sich etwas beobachtet fühlte und niemand etwas sagte.

„Das passiert uns immer am Anfang. Die Menschen schauen uns immer so an und hoffen, dass wir ein gutes Jahr für sie werden.“

Ulla nickte stumm und flüsterte Henni leise zu: „Wir Kaffeetanten haben Verstärkung bekommen. Ich mag das neue Jahr jetzt schon!“
Der Schornsteinfeger legte, bevor er sich setzte, eine Zeitung auf seinen Stuhl.

„Wir sollten dem neuen Jahr mit einem Lächeln begegnen!“, erklärte Henni mit einem erhobenen Nachtischlöffel.

„… und einem Tanz im Mondschein!“, sagte das neue Jahr schüchtern, „davon haben mir meine Vorgänger erzählt.“

Und so tanzten das neue Jahr und Ulla und Henni und der Schornsteinfeger nach dem Nachtisch voller Hoffnung mit viel Vanillesoße in den nächsten Morgen.


Epilog
Und da die Autorin 2021 mit Henni alles neu erschreiben möchte, lässt sie natürlich auch die nach dem Sturmwind Hermine arg gebeutelten Bäumchen (Meldung von Bettina Weihe bei WDR 2: Die Bäumchen haben schon Krämpfe in den Wurzeln. Sie krallen sich seit gestern Abend im Boden fest, um nicht umgeweht zu werden. Morgen müssen wir erstmal ihre Füßchen massieren.) mittanzen, denn die beste Fuß-Massage ist ein Tanz in diesen Zeilen und auf weichem Waldboden oder noch besser, weichem, warmen Sand am Meer …

Hier findet ihr Hennis Silvestergeschichte als Pdf-Datei.

11 Kommentare

  1. Andrea sagt

    Liebe Sabine, das hast du wieder sehr schön geschrieben! Danke dafür und ein wunderschönes unbeschwertes neues Jahr mit Henni und den „KaffeeTanten“ (die wohl im Nirwana von 2020 verloren gegangen sind 😉 ) Liebe Grüße Andrea

    • Sabine sagt

      Liebe Andrea,
      ich dachte noch, hoffentlich habe ich kein Wort vergessen und ausgerechnet eins mit Kaffee, aber sei dir sicher, es wird seinen Weg in die Geschichte finden, in den Wirren des ersten Tages 2021!
      Liebe Grüße,
      Sabine

      • Sabine sagt

        Liebe Andrea,
        JETZT sind auch die Kaffeetanten in der Geschichte aufgetaucht … Sie waren längst gedanklich anwesend …
        Liebe Grüße,
        Sabine

  2. Jürgen sagt

    Liebe Sabine, ich hoffe du hattest ähnlichen Spaß beim Schreiben, wie ich beim Lesen. Happy New Year von mear ;-)…

    • Sabine sagt

      Lieber Jürgen,
      den hatte ich beim Schreiben,:-) und habe auch fast kein Wort vergessen … 🙂
      dir auch ein schönes, neues Jahr,
      liebe Grüße,
      Sabine

  3. Annemarie+Winckler sagt

    Liebe Sabine,
    mit Dir und Henni und Euren Wörterwelten kann es nur ein gutes Jahr 2021 werden. Ich habe allen Worten nachgelauscht und musste bei vielen grinsen, bei manchen mit den Augen rollen, bei anderen die Mundwinkel verziehen und bei einigen gerieten die Zornesfalten auf der Stirn ins Runzeln. Danke für die Wortakrobatik, die mich mit einem Lächeln ins Jahr 2021 starten läßt.
    Ich wünsche Dir und Henni ein gelingendes Jahr 2021.
    Liebe Grüße
    Anne

    • Sabine sagt

      Liebe Anne,
      das freut uns, was unsere Wortakrobatik alles angerichtet und dich mit einem Lächeln ins Jahr 2021 geführt hat.
      Das wird 2021 auf jeden Fall so weitergehen,
      liebe Grüße,
      Sabine

  4. Liebe Sabine, genial zusammengefaßt ❣️Ich möchte mich gern mit euch und Henni auf das Abenteuer 2021 einlassen. Danke für die berührenden Texte. Dir alles Liebe 💕

    • Sabine sagt

      Liebe Ursula,
      das freut mich, lass uns gemeinsam das neue Abenteuer 2021 beginnen,
      liebe Grüße,
      Sabine

  5. So eine klasse Verabschiedung des alten Jahres und ein gutes Willkommen des neuen mit Kaffee (super für eine Kaffeetante wie mich).
    2020 war sehr fordernd aber nicht nur schlecht, darum bin ich gerade dankbar, dass es noch so ein feines Abschiedsessen bekommen hat. Danke!
    Herzlichst und verbunden
    Michaela

    • Sabine sagt

      Liebe Michaela, danke für deine Worte und ich glaube, auch das letzte Jahr war besser als sein Ruf, auch wenn wir dieses Jahr alle sehr froh sind, dass es vorbei ist,
      liebe Grüße,
      Sabine.

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