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Für alle, die morgens gerne mal am Büro vorbei ans Meer fahren wollen

Sie ist heute einfach mal weitergefahren, am Büro vorbei. Hat nicht den Blinker gesetzt, ist nicht auf den Parkplatz eingebogen, hat nicht auf das Ende des Liedes im Radio gewartet, bevor sie ausgestiegen ist. Sie fährt einfach weiter geradeaus, überlegt nochmal kurz bei Rot an der nächsten Kreuzung und bleibt dann weiter auf der Straße.

Das hat sie noch nie gemacht und sie ist auch heute das erste Mal spät dran.
Wird sie jemand im Büro vermissen?
Ja, vielleicht noch am Anfang, aber dann nicht mehr. Jeder kann das tun, was sie tat. Eben anders, so ist das im Leben. Jeder macht seinen Job auf seine Art, die passt in den Rahmen oder fällt aus demselben heraus. Das ist das ganze Geheimnis.

Sie hält beim Bäcker und holt sich ein ofenfrisches Croissant und einen Cappuccino. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, das spürt sie mit jedem Bissen und jedem Schluck Kaffee ganz genau. Sie steigt mit einem Lächeln wieder in ihr Auto und fährt weiter.

Ihr Auto fährt die weitere Strecke wie von selbst. Es weiß, wo sie hin will. Sehnsuchtsort Insel Norderney. Am Strand sitzen und aufs Meer schauen und nicht mehr nachdenken. Nicht mehr über den Job nachdenken und über das, was sie da noch und wieder zu tun hatte, was dann doch wieder nicht richtig, zu viel oder sonst irgendwas war …
Nicht mehr nachdenken über das, was sie auch gerne tut.
Nicht mehr nachdenken wollen.

Ein Schluck Kaffee. Ein Lied im Radio. Lauter als die eigenen Gedanken. Das tut gut.

Pause? Dammer Berge! Weder muss sie aufs Klo noch hat sie Hunger, aber sie will in die kleine Kapelle eine Kerze anzünden. Das machte sie seit so vielen Jahren, wenn sie hier vorbeifährt.

Sie hat sogar eine Broschüre gekauft, auf der alle Kapellen eingetragen waren und hat eine Rundreise durch Deutschland geplant. Die hat sie nie gemacht. Wie so vieles andere auch nicht.

„Hallo, nimmst du uns mit?“, fragt Henni, die auf der Bank in der Kapelle auf sie gewartet hat.
„Natürlich! Ihr seid doch auch so immer bei mir!“, antwortet sie Henni, die ebenfalls eine Kerze anzündet.

Sie gehen zum Auto und fahren schweigend weiter. Mit Henni kann sie gut schweigen. Das deckt alle Gedanken beruhigend zu.

„Können wir das Hörbuch von gestern weiter hören?“, fragt Henni in das Schweigen hinein. Sie hatten gestern damit angefangen. „Der große Sommer.“ Sie hören beide zu und mit jedem neuen Kapitel kommen sie der Nordsee und der Insel ein Stück näher.

Sie beide lieben das. Hörbuch hören und Auto fahren, am liebsten ganz weit weg und am liebsten ans Meer.

„Wissen wir schon, wo wir schlafen werden?“, fragte Henni.
„Nö, aber ich denke, der alte Hansen hat bestimmt wieder sein Notferienzimmer für uns frei!“, lacht sie. Das ist klein, aber sauber und mit einer Terrasse mit Blick aufs Meer.

Sie haben in Norddeich eine frühe Fähre genommen und sind bei der Überfahrt bei satt vom Schauen, von der Luft, dem Geruch des Salzes und der sich ständig ändernden See.

„Müssen wir nochmal zurück?“, fragt Henni.

„Das entscheiden wir nicht mehr heute. Wir haben noch eine Verabredung mit dem Strand und dann mit dem alten Hansen.“

Als sie am Strand sitzen, Henni mit Gummistiefeln und sie endlich barfuß, ist es so, als ob sie nie weg gewesen wären.

Das findet der alte Hansen übrigens auch, als sie windzerzaust und hungrig in seine Kneipe kommen und sein Tagesgericht bestellen.

„Dieses Mal habt ihr euch aber mächtig viel Zeit gelassen!“ brummt er in seinen langen Bart, aber er grinst dabei und erzählt allen stolz, dass sie wieder da sind, seine Nichte und die Henni, seine Lieblingslandratten.

 

 

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