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Grießbrei-Montag

„Komm rein!“, rief Ulla. Die Wohnungstür stand einen Spalt auf und Henni waberte der wunderbar cremige, goldgelbe Geruch von frisch gekochtem Grießbrei entgegen. Den Geruch mochte sie, auch wenn sich der Klang der Stimme ihrer Freundin darüberlegte, wie eine traurig saure Essiggurke. Sie wusste, wenn Ulla den frisch kochte, dann war es in der Regel kein guter Montag.

Meist gab es den, wenn sie am Wochenende mit ihrem Blödsohn telefoniert hatte. So nannte Henni ihn natürlich nur in Gedanken und nie vor Ulla, denn sie wusste, wie sehr sie sein Verhalten traurig machte und wie gerne sie ihn eben trotzdem hatte. Wäre er ihr egal, gäbe es heute keinen Grießbrei.

Henni ging in die Küche. Auf dem Tisch standen zwei Kaffeetassen,  jeweils zwei Schälchen mit einem Suppenlöffel, dazwischen ein großer dampfender Topf Grießbrei auf einem Untersetzer und ein Schälchen Zimt.

Der Suppenlöffel. Kein Dessertlöffel. Henni seufzte. Heute war also nicht nur ein Grießbrei-Montag, sondern obendrein ein Grießbrei-Montag mit Suppenlöffel, weil der Dessertlöffel zum Auslöffeln nicht ausreichte.

„Sollen wir gleich aus dem Topf essen?“, fragte Henni und schaute ihre Freundin fragend an.

Ihr Lachen war nur ein Lächeln und das war ein trauriges und das konnte Henni gar nicht gut haben. Sie kannte das ja von sich selbst, aber bei anderen machte ihr das fast genauso viel aus, weil sie die Traurigkeit schmeckte und sah.

Jetzt konnte sie nichts anderes tun als abwarten. Das erforderte Geduld, die Henni gerade nicht hatte. Dieses melankomische Gefühl; – so hatte das mal ein Psychologe in einer Wissenssendung beschrieben und sie verstand bis heute nicht, was komisch in diesem Wort zu suchen hatte -, dass sie bei Ulla spürte, breitete sich auch langsam in ihr aus.

Henni setzte sich umständlich an den Tisch. Ulla schenkte ihnen Kaffee ein und sagte weiter nichts. Kaffee und Stille war wie Kaffee und Milch, die schlecht war, fand Henni. Sie rührte übertrieben lange in ihrer Tasse. Das Rühren klang unheimlich laut in dieser Stille.

„Wen verscheuchst du denn da in deiner Tasse?“, fragte Ulla und lächelte ein wenig dabei. Das hörte Henni, ohne dass sie hochsehen musste.

„Wir verscheuchen die Geister meiner Freundin!“, sagte Henni und schaute hoch.

„Und, hilft es?“, fragte Ulla, die ihren schwarzen Kaffee noch nicht angerührt hatte.

„Na ja, ich denke, du musst sie in deinem Kaffee mit verscheuchen, sonst bleiben sie länger!“

„Das klingt logisch!“, antwortete Ulla und nahm einen Löffel zur Hand.

Gemeinsam rührten die beiden Frauen in ihrem Kaffee und, weil sie das zusammen taten, klang die Stille weniger still, die Traurigkeit schmeckte weniger nach Essiggurke und der Grießbrei wurde wieder leckerer Grießbrei.

„Danke!“, sagte Ulla leise.

„Gerne!“, antwortete Henni.

 

7 Kommentare

  1. Manchmal ist gar nicht viel nötig außer Stille und Kaffee und dann nur ganz wenige Worte 🤐. Die Geschichte berührt …

    • Sabine sagt

      Ja, es braucht nicht viel …
      Zu oft übersehen und noch mehr überhören wir genau das …

  2. Was wäre Ulla ohne ihre Freundin? Solche feinfühlige Menschen wie Henni braucht die Welt. Sehr schön geschrieben, danke!
    Liebe Grüße
    Rosa

  3. Liebe Sabine, die Geschichte wärmt wie der Grießbrei nicht nur den Magen sondern auch das Herz ❤. Es ist gefühlvoll, scheint einfach, und ist doch so zauberhaft erdacht. Vielen Dank für deine Gedanken Henni und Sabine.

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