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Henni und der Flockdown

Henni stand mitten auf dem Fritz-Kühn-Platz, den Kopf nach oben gereckt, die Augen geschlossen und den Mund weit geöffnet. Samstagabend. 22:00 Uhr. Es schneite und hatte schon den ganzen Tag geschneit. Nicht einmal Hunde mit ihren Menschen hatten sich heute Abend auf den Platz verirrt. Genau deshalb war Henni heute hier und noch viel mehr war sie hier, weil sie es liebte im Schnee zu stehen und den Schneeflocken bei ihrem Tanz auf die Erde zuzusehen.

„Wenn wir die Schneeflocken auf unserer Zunge schmecken, dann sind wir wieder acht Jahre alt, haben uns von unserer Kittel-Oma weggeschlichen und uns mit dem knallroten Bob zum Danzturm aufgemacht!“ Das hatte sie Ulla gestern noch erzählt, als sie sich zusammen die Wettervorhersage im Fernsehen angeschaut hatten. Ulla mochte keinen Schnee und auch kein Schlittenfahren, weil sie nicht gerne fror und beim Schlitten fahren mal böse gestürzt war.

Henni stand da und schmeckte die einzelnen Schneeflocken. Sie alle erzählten von ihren wilden Bobfahrten den Hügel am Danzturm runter, die großen Sprungschanzen, die blauen Flecke am Po und an den Beinen danach und das tolle Gefühl, wenn sie glücklich und durchgefroren nach Hause kam. Natürlich war das Zuhause bei der Kittel-Oma nicht ihr Zuhause, aber warm war es da und der heiße Pfefferminztee schmeckte gleich viel besser als sonst.

„So, jetzt machen wir noch einen Schnee-Engel für Ulla!“, lachte Henni, ging etwas in die Knie und ließ sich dann langsam nach hinten in den unberührten, frischen Schnee fallen. Sie breitete ihre Arme aus und begann mit den Flügeln zu schlagen. Ihre Beine taten es ihr nach. Sie schloss die Augen und konnte wieder fliegen.

Wie früher, als sie noch bei der Kittel-Oma wohnte und, wenn sie dort unter dem Tisch schlief und den VW-Bus von Mia am Strand stehen sah, dann konnte sie fliegen. Nicht einfach nur bis ans Meer, nein, viel, viel weiter. Weit über das Meer und den Horizont hinaus, hinter den Horizont.

Dort war sie schon einmal zu Weihnachten gewesen, als sie dachte sie hätte Uwe gesehen und gehört. Genau deshalb war sie ja auch auf den beleuchteten Baum geklettert, weil sie für einen Moment wirklich dachte, das sei die Himmelsleiter. War sie natürlich nicht und natürlich war auch Uwe nicht am Ende der Leiter. Am Ende der Leiter kam sie nicht mehr hinunter und dann auch sofort in die Klinik.

Heute sah sie ihn auch, aber das war anders.

„Henni, ist dir nicht kalt?“, fragte Uwe.

„Nein, doch nicht, wenn wir einen Schnee-Engel machen!“ Henni wunderte sich etwas, wieso er das fragte, denn schließlich hatte sie auch mal einen für ihn gemacht. Aber vielleicht konnte sich Uwe nicht mehr so an die Dinge mit ihr erinnern, da, wo er jetzt war.

„Ja, so einen tollen Engel hast du auch schon mal für mich gemacht!“, lachte Uwe und Henni wärmte dieses helle, orangefarbene Lachen von innen heraus und ihr war überhaupt nicht mehr kalt.

„Hallo! Sie da! Hallo!“ Eine Stimme riss sie aus dem leuchtend warmen Orange.

Henni öffnete die Augen. Da stand ein Mann mit grauem Bart und blauer Mütze mit Krempe und schaute auf sie herab. Neben ihm ein hässlicher Dackel in einer roten Karo-Decke.

„Sie haben meine Unterhaltung mit Uwe gestört!“, schimpfte Henni und rappelte sich mühsam auf. Sie wäre gerne noch liegengeblieben, aber jetzt spürte sie auch, wie kalt ihr geworden war.

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe mir Sorgen gemacht und wollte nicht, dass sie sich hier draußen den Tod holen!“, sagte der Mann entschuldigend.

„Den haben wir uns nicht geholt, mit dem haben wir uns nur unterhalten, aber jetzt ist er auch weg!“ Henni schaute traurig, stand auf und machte ein Foto von dem Schnee-Engel für Ulla.

„Wissen, Sie junge Frau, früher habe ich das auch gemacht, aber heute schaffe ich es wegen meiner Knie nicht mehr bis nach unten!“ Er sah traurig aus.

„Dann machen Sie doch ein Bild von meinem Engel und den nehmen Sie ihn nach Hause mit. Dann ist es fast so, als könnten Sie das noch!“, schlug Henni vor. „Schnee-Engel sind doch für alle da!“

De Mann strahlte und sein hässlicher Karo-Decken-Dackel schnüffelte an Hennis Gummistiefeln.

„Er mag Ihre Gummistiefel, weil er die Farbe Rot mag!!“, erklärte der Mann und machte ein Foto vom Schnee-Engel, neben den sich der Dackel setzte. „Ich bin Ihnen sehr dankbar!“

„Gern geschehen!“, sagte Henni. „Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend im Flockdown!“ Henni hatte das Wort heute im Fernsehen gehört und der Klang des Wortes gefiel ihr und erinnerte sie daran, wie wunderbar leise die Welt wurde, wenn es schneite und sich der Schnee auf den Lärm der Welt legte.

4 Kommentare

  1. Jutta sagt

    Oh, wie schön! Der Flockdown hört sich doch sehr gut an und der wunderschöne Schneeengel zeigt uns doch wieder die Schönheit des Wetters! Liebe Sabine herzlichen Dank dafür ❣️

  2. Henni und die Flocken…als hätten sich ein paar davon auf dem Rot ihrer Gummistiefel niedergelassen…als sei die Stille ihre beste Freundin…. als seien Henni und ihr Schneeengel auf ewig verbunden…und der Dackel als Karodeckenträger dazu.

    Wunderbar und vielen Dank, liebe Sabine

    Liebe Grüße

    Hedda

  3. Annemarie+Winckler sagt

    Liebe Sabine,
    danke für das Wachrufen von Kindheitserinnerungen. Ich hatte kurz das Gefühl von schmelzenden Schneeflocken auf der Zunge. Konnte einen Moment lang nicht richtig sitzen, weil ich mein Steißbein spürte, dass ich mir beim Schlittenfahren mal ziemlich angeschlagen hatte, weil ich eine Bodenwelle übersehen hatte. Es war alles wieder da.
    Jetzt sehe ich die letzten Schneereste von den Dächern in Richtung Dachrinne schwimmen und die Tauben haben wieder Frühlingsgefühle. Sie turteln im Baum vor meinem Fenster.
    Liebe Grüße
    Anne

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