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Wenn das Paket nicht kommt, dann gibt es eben Mirácoli

Bild: Tanja GraumannIdee: Sabine Hinterberger

Hier findet ihr die Audio-Datei des nachfolgenden Textes:

Seit Tagen fiebert Hennis Nachbarin Sabine, die unterm Dach im Nachbarhaus wohnt der Ankunft ihres ersten gemeinsamen Wandkalenders entgegen. Sie hat alles auf den Tag hin vorbereitet und Henni bleibt sogar an ihrem Ulla-Kaffeetrinken-Tag zuhause, um die Ankunft des Pakets nicht zu verpassen.

„Wir haben an alles gedacht!“, lacht Henni noch am Morgen und sitzt aufgeregt mit einer Tasse Kaffee am Fenster. „Ulla, Ulla, mein Kalender kommt heute, heute, heute!“ Henni winkt zum Nachbarhaus hinüber, Ulla winkt zurück. Henni hat sogar ihre Gummistiefel geputzt und poliert.

Henni wohnt in einer sehr schmalen Einbahnstraße und daher ist die Straße sehr überschaubar. Also, der DHL-Wagen kann nur aus einer Richtung kommen.

Natürlich gibt es für das, was jetzt kommt, verschiedene Versionen, die aus völlig unterschiedlichen Realitäten stammen.

„Wir haben den DHL-Wagen gesehen. Er ist ausgestiegen, hat gefragt, wo die Nummer 17 ist und ist dann wieder gefahren, ohne zu klingeln!“, erklärt Henni. Ulla bestätigt das, weil sie zur selben Zeit am Fenster gestanden hat, ihre Lieblingsserie hatte gerade Werbepause.

Sabine hat 5 Minuten später zuhause, ebenfalls wartend eine Mail erhalten,
„Fr, 28.08.2020, 09:36 – – – Leider war eine Zustellung der Sendung nicht möglich. Gründe hierfür können sein: Kein Zugang zum Gebäude, kein Schild an der Klingel, Empfänger ggf. verzogen, etc.“

Der Zugang zum Gebäude besteht aus zwei Stufen. Es ist ein Schild an der Klingel und ein Hinweis auf den Kiosk um die Ecke, falls die zwei Stufen zu viel sind. Ein schneller Gang zum Kiosk bringt auch keine Aufklärung. Der DHL-Wagen war da und hat ein Paket gebracht, aber keins für sie, dafür eins für die andere Nachbarin.

Ein Anruf bei DHL führt zu keiner Aufklärung, denn sie können nichts machen, das würde der Fahrer machen, sagen sie und sagen dann irgendwann zumindest einen zweiten Zustellungsversuch am nächsten Tag zu.

„Ui, ui, ui, wir sehen, dass du gleich platzt oder irgendetwas durch die Gegend werfen wirfst!“, sagt Henni und geht vorsichtig einen Schritt zur Seite, als sie Sabine beim Kiosk trifft. „Soll ich dir was zum Werfen bringen?“

„Nein, etwas werfen, wird nicht helfen! Ich baue jetzt eine Straßensperre und hisse eine Fahne über der Straße. So eine Große wie beim Bundespräsidenten. Da wissen alle, wenn ich zuhause bin. Darauf steht: Ich bin da. Sie müssen nur klingeln!“

„Super, können wir dir dabei helfen und dann hängen wir die Fahne einmal über die ganze Straße!“ Henni freut sich und Mr. Morgan, der Besitzer des Kiosks grinst. „Wenn das alles nicht hilft, halte ich ihn auf!“

„Mr. Morgan, Sie sind unser Held!“, strahlt Henni ihn an und begleitet Sabine noch bis zu ihrer Wohnung.

Am nächsten Morgen begibt sich Sabine mit Henni und genug Kaffee und Keksen in ihrem Hausflur mit Blick auf die Straße. Sie sitzen dann da auf zwei grünen Klappstühlen, spielen Kniffel und warten auf den DHL-Boten. Sie sind nicht die Einzigen, denn der Nachbar gegenüber macht es ebenso.

Und dann ist es soweit. Der DHL-Wagen kommt, hält an und der DHL-Bote steigt aus und übergibt Sabine ein kleines Paket. Nein, es ist nicht das heiß ersehnte Paket, doch das wird gerade unwichtig, denn Sabine erkennt den Fahrer.

„Sie fahren jetzt bei DHL?“, fragt sie den ebenso sichtlich überraschten Fahrer.

„Ja, das ist für Sie!“, sagt er und reicht ihr ein Paket.

„Waren Sie gestern auch schon hier?“, fragte Sabine.

„Jaa …“

„Hatten Sie ein Paket für mich?“

„Neeiiin!“, antwortet er schnell und steigt wieder in sein Auto.

„Wie lange machen Sie das schon?“, fragt Sabine weiter.

„Nur bis ich eine Ausbildung gefunden habe!“, sagt er, winkt und fährt.

Sabine schaut ihm hinterher, der Nachbar ist auch völlig irritiert und Henni lacht laut.

„Du bist gerade wie großer, roter Luftballon, aus dem man die Luft rausgepiekt hat. Zack!“, sagt Henni und grinst.

Sabine grinst zurück. „Ich gehe nochmal zum Kiosk, vielleicht hat er ja, verpeilt, wie ich ihn kenne, das Paket doch da abgegeben!“

„Du glaubst wohl doch echt noch an den Weihnachtsmann, oder?“, fragt Henni. „Wir nicht mehr!“, sagt sie. „Wir üben solange Kniffel, bis du ohne Paket wiederkommst!“

„Woher weißt du das?“, fragt Sabine.

„Du kennst diesen Fahrer und du magst ihn, doch er hat trotzdem keine Ahnung, was er da macht und das ist bei DHL an der Tagesordnung, hat mir der Uwe immer gesagt und der wusste das, weil er früher mal bei denen gearbeitet hat!“, erklärt Henni und das hätte Sabine eigentlich wissen müssen, denn schließlich hat sie Hennis Uwe erfunden.

„Stimmt, dem Uwe wäre das nicht passiert, denn der machte einen guten Job und er sprach die Sprache, die du brauchst.“, gab Sabine zu bedenken.

„Früher hätte ich dir die Pakete auch verschickt.“ Henni schaut traurig die Straße hinab, als würde sie da ihren alten LKW noch stehen sehen. „Komm, wir gehen ins Schnöggel oder kochen Mirácoli, das hilft immer!“, schlägt Henni vor, „Für heute ist genug geärgert und gedacht.“

„Gute Idee!“, lacht Sabine. „Eine sehr gute Idee!“, wiederholt sie leise.

4 Kommentare

  1. Jutta Paris sagt

    ☹️🤔Das tut mir leid! Ich hoffe die Miracoli haben geholfen und etwas beruhigt! Dir und Henni trotzdem einen schönen Sonntag 🌞

  2. Liebe Jutta,
    wir hatten einen schönen Sonntag: Einmal Nordsee und zurück … Heute startet DHL einen neuen Versuch, wir sind gespannt ….
    Liebe Grüße,
    Henni und Sabine

  3. Liebe Sabine,
    du hast den Paket-Frust in eine wunderbare Geschichte umgewandelt. Habe sie mir als Audio angehört und musste ganz schön schmunzeln.

    Ich hoffe, die „Ich bin da, Sie müssen nur klingeln“-Fahne weht nun über deinem Haus. 🙂

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    • Sabine sagt

      Liebe Ulrike,
      ich glaube, genau so können solche ärgerlichen Situationen schreibend am besten kompensiert werden … Und am Ende macht es Spaß sie zu schreiben,
      liebe Grüße,
      Sabine und Henni

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