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Blogparade „Was ist Zeit?“

Andrea hat auf ihrem Blog „Kinderalltag – Mein Mama-Blog“ zu einer Blogparade zum Thema „Was ist Zeit?“ aufgerufen.

In meinem gestrigen Schreibcafé habe ich eine Miniatur geschrieben, die zeigt, wie Zeit erlebt werden kann. Ich wusste anfangs überhaupt nicht, wohin mich das führt und bin heute, einen Tag später, selbst sehr überrascht und fasziniert zugleich, wohin es mich geführt hat.

Zeitlos

(Schreibimpuls: Schreiben mit einem ersten und einem letzten Satz eines Buches)

„Es fiel Regen in jener Nacht, ein wispernder Regen.“[1] Ein Regen, der verriet, was in der Luft lag, was diese Zeit anrichten würde, mit unserer Welt und ihr und ihm. Sie hatten, nass geregnet bis auf die Haut, einen Unterschlupf in der alten Fabrikhalle gefunden. Die Fabrikhalle, die niemand mehr betrat, weil sie einsturzgefährdet war.
„Das Dach wird uns schon nicht auf den Kopf fallen.“, hatte er gesagt und war durch das erste glaslose Fenster im Erdgeschoss verschwunden. Sie sah ihm nach und überlegte einen Moment, ob sie ihm wirklich folgen sollte. Der Regen ließ sie alle Bedenken vergessen und so kletterte sie ebenfalls durch das Fenster. Das Wispern und Flüstern begleitete sie in die Dunkelheit des kalten Gebäudes. Sofort gesellte sich zum Wispern des Regens das kalte Schweigen der Mauern, die da in der Dunkelheit von der Geschichte schwiegen, die niemand mehr hören wollte.

Niemand, sie auch nicht, obwohl sie wie er in diesen Mauern ihre Eltern verloren hatten, wie alle Kinder aus dem Dorf. Die andere Dunkelheit griff nach ihr. Das Wispern drang in ihr Ohr und das Schweigen, das sich an sie klammerte, ließen sie zu Boden fallen. Sie verlor das Bewusstsein …

„Hey …“ Seine Stimme und seine Hand an ihrer Wange holte sie wieder zurück.

„Was?“ Ihr Mund war trocken. Sie versuchte sich aufzurichten.

„Langsam, mach langsam!“ Er stützte sie und legte dabei seine Jacke um ihre Schultern.

„Aber du frierst doch auch!“, wandte sie ein, wusste aber, dass er sich von den Worten nicht würde abhalten lassen. Sie schwiegen beide und hielten sich fest. Sie hörten den Regen, wie er auf das alte Fabrikdach trommelte, spürten das Schweigen der Wände und das Wispern des Regens. Der Regen schien sich mit den Wänden zu unterhalten. Schweigen trifft Wispern.

Wie bei uns zuhause, dachte sie. Zuhause, das waren ihr schweigender Onkel und eine wispernde Tante, die seit dem Tod ihrer Eltern für sie verantwortlich waren. Ihre Tante hatte nicht nur Schwester, sondern auch noch ihre einst kräftige Stimme verloren. Die Trauer hatte sie aneinandergebunden, unsichtbare Schnüre, die schwer abzulösen waren.

Er hatte ihr dabei geholfen und ihr gezeigt, wie das Ablösen ging, ohne zu verletzen. Er kannte das, denn bei ihm zuhause sah es ähnlich aus. Auf ihn warteten besorgte Großeltern, die ihren Sohn und seine Frau verloren hatten.

Hier in der Fabrik. War es eine gute Idee, ausgerechnet heute hierher zu kommen? Sie zitterte. Vor Kälte, vor Angst und vor Traurigkeit. Ihm ging das nicht anders. Da saßen sie dicht beieinander, so, als könnte die Nähe des anderen die Trauer und die Angst verscheuchen, zumindest für den Moment.

„Weil alles, was geschieht, seinen Grund hat.“[2], wisperte der Regen.

Das Fabrikgebäude schwieg dazu.


[1] Cornelia Funke, Tintenherz

[2] Jessie Burton, Die Geheimnisse meiner Mutter


Hier noch einmal als Audio-Datei:

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